Schweden: Polyvagales System im Außenpraxis

Nachdem ich über die Natur als heiligen Ort geschrieben habe, erscheint es fast selbstverständlich, einen Schritt weiter zu gehen: Was geschieht eigentlich in unserem Nervensystem, wenn wir in die Natur eintauchen, zur Ruhe kommen und uns verbinden?

Natürlich lässt sich die Natur nicht in Rahmen fassen. Dennoch haben wir uns auf dieser Reise auf Elemente der Polyvagaltheorie konzentriert. Diese dienen als „Anhaltspunkt“ auf dieser Reise und knüpfen gleichzeitig schön an die früheren Themen dieser vierteiligen Reihe an:

Die Polyvagaltheorie in Kürze
Diese wurde von Stephen Porges entwickelt. Er beschreibt, wie unser autonomes Nervensystem ständig scannt:
Bin ich sicher? Oder muss ich überleben?

Grob lassen sich drei Zustände unterscheiden:

  • Ventraler Vagus-Zustand
    Verbindung, Ruhe, Offenheit, Kontakt.
    Hier können wir fühlen, reflektieren, lernen und uns verbinden.
  • Sympathische Aktivierung
    Handeln, Kämpfen oder Fliehen.
    Notwendig bei Gefahr, aber erschöpfend, wenn dies chronisch wird.
  • Dorsaler Vagus-Zustand
    Rückzug, Erstarrung, Abschottung.
    Eine uralte Schutzreaktion, wenn das System keinen Ausweg mehr sieht.

Was wichtig zu verstehen ist:
wir wählen diese Zustände nicht bewusst.
Unser Nervensystem reagiert automatisch auf das, was es in der Umgebung wahrnimmt.

Falls dies schwer zu begreifen ist, kann es hilfreich sein, Tiere zu beobachten.
Da sie „vor dem Verstand“ stehen und nicht durch den ständigen Lärm der Gedanken abgelenkt sind, sieht man sehr schön, wie das Nervensystem ungefiltert auf Umwelteinflüsse reagiert.

Die Praxis
Letztendlich gibt es nichts Klareres, als selbst am eigenen Leib zu erfahren, wie Elemente der Polyvagaltheorie für dich wirken.
Im Naturschutzgebiet von Glaskogen, Schweden, haben wir uns in die Stille der Natur versenkt.

Keine Eile, kein Telefon.
Nur Wasser, Wald, Stille und einander.

Die Reise
Interessanterweise begann unser Prozess bereits während der Anreise.
Mit dem Auto nach Norddeutschland, dann mit dem Schiff nach Göteborg. Zeit an Deck, frische Luft schnappen, das Festland buchstäblich loslassen.
Nicht tun, sondern geschehen lassen.
Aus polyvagaler Perspektive ist dies entscheidend:
Verlangsamung als Voraussetzung für Regulierung.

Naturschutzgebiet Glaskogen
Vom Hafen von Göteborg aus zogen wir nach Norden nach Glaskogen, einem weitläufigen Naturschutzgebiet, etwa dreieinhalb Autostunden entfernt.
Eine Woche lang waren wir mit dem Kanu unterwegs.
Wir paddelten durch das offene Wasser und legten auf Inseln an, auf denen es sich gut anfühlte, zu bleiben.

Sein auf dem Wasser.
In Stille ankommen.
Ohne Eile die Zelte aufschlagen.

Nicht sofort der gehetzten inneren Stimme nachgeben, die alles schnell erledigt haben will.
Auf unserer Reise auch als das „ausflippende Gehirn“ bezeichnet.

Auf den Inseln vertieften wir unsere Erfahrungen durch verschiedene Formen von Körperarbeit, Aufstellungsarbeit und Ritualen. Wir blieben so lange, wie es sich richtig anfühlte. Um dann weiter zum nächsten Ort zu ziehen. Es ging nicht um Geschwindigkeit oder Entfernung. Der Langsamste bestimmte das Tempo.

Entregung
Was hier langsam aber sicher auffiel: Das Nervensystem erhielt keine Reize, die es als bedrohlich interpretieren musste.

Kein Verkehr,
Keine Terminkalender,
Keine Telefone,
Keine ständigen sozialen Erwartungen.

Und stattdessen:
Wasser ringsum,
Bäume, Wind und Stille,
einfache Handlungen,
ein Rhythmus, der von Tageslicht, Wetter und Körper bestimmt wurde.

Allein diese Umstände laden das Nervensystem dazu ein, in einen ventralen Vagus-Zustand zu sinken, oder anders gesagt:
Sicherheit, Ruhe, Verbundenheit.

Das kollektive Feld als Regulator
Neben der Natur selbst spielte auch die Gruppe eine wichtige Rolle.
Ein kollektives Feld, in dem Sicherheit, Anerkennung und Rückhalt vorhanden waren.
Irgendwie scheint es jedes Mal, wenn ich eine Reise in der Gruppe unternehme, bei der wir gemeinsam innere Prozesse durchlaufen, als würden wir uns in etwas Universellem wiederfinden.
Das macht die Kraft des Kollektivs zu einem nicht zu unterschätzenden Wert.
Gleichzeitig steht und fällt es natürlich mit einer tragenden Begleitung.

Methoden
Auf den Inseln – aber auch in den Kanus – haben wir uns mit verschiedenen Formen der inneren Arbeit beschäftigt. Dazu gehörten unter anderem Meditationstechniken, verschiedene Arbeitsformen aus der systemischen Arbeit und Tension-Release-Übungen. Übrigens war auch die Cold-Water-Praxis (mal kurz zwischendurch) eine sehr schöne Erfahrung. Eine, die mir sehr am Herzen liegt.

Schön fand ich es zu erleben, wie an diesem Ort die Umgebung mit der Methodik zusammenkommt.

Zusammen,
draußen,
ohne Eile,
ohne Leistungsdruck.

Co-Regulation kann dann leichter entstehen. Das Nervensystem muss nicht wachsam bleiben, weil es sich getragen fühlt.

Da ist es wieder: „die Kraft der Elemente“
Wir hätten fast vergessen, dies noch kurz anzusprechen. Auf einer Reise wie dieser kann genau darauf sehr schön der Fokus und damit das Bewusstsein gelegt werden. In Griechenland hallte das erdige Fundament der Berge sehr schön in mir nach. Dieses Mal war ich mir Feuer und Wasser als primäre Regulatoren am stärksten bewusst.

Selbstverständlich boten die Inseln ein klares erdiges Fundament.
Fester Boden unter den Füßen.
Zelte aufschlagen, Holz sammeln, Essen zubereiten.

Und gleichzeitig war da ständig das Wasser:
Tragend, rhythmisch und umhüllend.

Aber das Feuer 🔥 hat am stärksten in mir nachgehallt. Wir hatten mit der Gruppe die ganze Woche über – egal auf welcher Insel wir waren – ein Feuer am Brennen.

Feuer, um das Wasser warm zu halten.
Feuer, um kochen zu können.
Und Feuer als verbindendes Element in der Gruppe. Gemeinsam rund um das Feuer.

Sitzen und still sein..
Irgendjemand fängt ganz von selbst an zu sprechen.

Was für eine einladende und beruhigende Kraft geht davon aus.
Das ist Genuss!  

Polyvagale Arbeit, ohne dass es jemand so nennt
Alles geschah, ohne dass wir ständig mit Erklärungen oder Analysen beschäftigt waren. Das Nervensystem lernt durch Erfahrung, nicht durch Konzepte.
Das ist für mich die Essenz der polyvagalen Arbeit in der Praxis im Freien.
Nicht erzwingen, nicht lösen, sondern Bedingungen schaffen, unter denen Regulierung von selbst stattfinden kann.Nicht erzwingen, nicht lösen, sondern Bedingungen schaffen, unter denen Regulierung von selbst stattfinden kann.
Aus therapeutischer Perspektive ergibt sich für mich hier erneut die Erkenntnis:
Regulierung muss nicht „aktiv“ begleitet werden.
Sie muss möglich gemacht werden.
Mit Einstellung und tiefer innerer Präsenz als „Methodik“.

Integrationszeit
Wenn das Nervensystem über einen längeren Zeitraum Sicherheit erlebt, entsteht Raum für Verarbeitung. Spannung kann sich lösen, Emotionen können sich bewegen, der Körper kann wieder Vertrauen in den Kontakt entwickeln.
Integrationszeit ist dabei unerlässlich. Auf unserer Reise auch als „Faulenzzeit“ bezeichnet.
Also nichts tun. Es kann durchaus sein, dass hier die Einsichten stattfinden.
Und das muss nicht alles in dieser Woche geschehen.

Ich habe die Reise im Jahr 2024 unternommen.
Wenn ich mich im Hier und Jetzt wieder darauf einstimme,
kann das damalige Feld noch leicht in mir nachhallen.
Ein Fundament aus Ruhe, innerer Gelassenheit und Stille.

Nicht umsonst hängt das untenstehende Foto in meinem Zimmer….


Zur Reflexion
Was würde in deinem System geschehen, wenn du dich – und sei es nur für einen Moment – in Einfachheit, Natur und Entschleunigung eintauchen würdest?

Und welche Signale der Sicherheit braucht dein Nervensystem eigentlich, um zur Ruhe kommen zu können?

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