Haptonomie

„Fühlen, Kontakt und der Weg zur Integration“

Wenn ich auf der Straße gehe und mich umschaue, sehe ich viele Menschen, die in ihren Gedanken versunken sind. Auf den ersten Blick wirken sie etwas „in Gedanken versunken“.

Wir denken, analysieren und „verstehen“ ununterbrochen. 
Ein bisschen Lebensfreude ist kein überflüssiger Luxus, denke ich manchmal. 

Sich im Denken zu verlieren, ist eine anstrengende Angelegenheit.
Und dann noch zu „bedenken“, dass wir unseren Gedanken auch noch glauben.
Ziemlich kränklich...

In der Zwischenzeit sendet auch der Körper Signale aus.
Angefangen mit leisen Tönen.
Um dann immer lauter zu werden. Vor allem, wenn sie ignoriert werden.

Oft kommen Menschen erst dann in meine Praxis, wenn die Signale so deutlich sind, dass sie einfach nicht mehr zu ignorieren sind.
Man kann dann getrost von einem Körper sprechen, der um Aufmerksamkeit ruft.

Die Frage ist vielleicht:
hörst du schon zu, oder wartest du, bis der Körper schreien muss?

Körperliche Intelligenz
Heute schauen wir uns an, warum Haptonomie in diesem Zusammenhang sinnvoll sein kann.
Wir gehen hier nämlich von einem einfachen, aber tiefgreifenden Grundsatz aus:
Der Körper lügt nicht.
Wo Worte versagen, spricht der Körper durch Anspannung, Entspannung, Nähe, Rückzug und Kontakt.

Affektiver Kontakt
Haptonomie ist ein Ansatz, der sich auf das Fühlen, Erleben und Verkörpern konzentriert.
Nicht so sehr als Technik, sondern meiner Meinung nach vor allem als eine Art, präsent zu sein.
Die wörtliche Bedeutung des griechischen Wortes haptein knüpft daran an, nämlich: berühren oder in Kontakt kommen..
Hier geht es nicht nur um körperliche Berührung, sondern gerade auch um affektiven Kontakt: die Art und Weise, wie man sich zu sich selbst, zum anderen und zur Welt verhält.

Der Körper als Zugang
Es besteht ein Unterschied zwischen der Betrachtung des Körpers als Objekt, das „repariert“ werden muss, und als Zugang zur Bewusstwerdung. Denn über den Körper wird sichtbar:

  • wo Spannungen entstanden sind
  • wo Grenzen verschwommen sind
  • wo Kontakt schwierig oder geradezu zu intensiv ist
  • wo Sicherheit fehlt

Viele Beschwerden – körperlich oder emotional – hängen offenbar mit alten Erfahrungen zusammen, die nie vollständig durchlebt oder integriert wurden. Der Körper bewahrt diese Geschichte.

Vom Überleben zum Erleben
In meiner Praxis habe ich häufig mit Klienten zu tun, die jahrelang aus Überlebensstrategien heraus funktionieren. Dazu gehören unter anderem:

  • sich anpassen
  • weitermachen
  • stark sein
  • die Kontrolle behalten

Die Einladung besteht darin, diese Strategien nicht zu bekämpfen, sondern sie zu erkennen und das darunter liegende Gefühl zu durchleben. Und das ist ganz wesentlich.
Wenn jemand wieder Kontakt zu seiner körperlichen Wahrnehmung aufnimmt, kann Raum entstehen. Zunächst Raum, um zu entschleunigen, aber auch, um zu spüren, was wirklich vor sich geht.
Dies kann beispielsweise hilfreich sein, um Grenzen zu erkennen und weicher zu werden, ohne an Kraft zu verlieren.

Sicherheit als Voraussetzung
Ein wichtiger Grundsatz ist, dass Veränderung nur aus einer erlebten Sicherheitheraus stattfinden kann. Ohne Sicherheit bleibt der Körper in Alarmbereitschaft. Mit Sicherheit kann der Körper loslassen. Dieser Prozess lässt sich nicht erzwingen. Er entfaltet sich im Tempo des Körpers. Im therapeutischen Rahmen ist es daher besonders wichtig, dass diese Sicherheit geboten wird.

Der therapeutische Rahmen
Die Art und Weise, wie ich haptonomische Prinzipien in Sitzungen einsetze, hat sich im Laufe der Jahre verändert. In der Anfangsphase arbeitete ich mehr mit einfachen Materialien.
Denken Sie an einen Stock, um Distanz und Grenzen sichtbar zu machen; ein Seil, um Muster von
Bindung / Verbindung zu veranschaulichen, oder einen Ball, um Kontakt, Richtung oder Rückzug zu erfahren.

Darüber hinaus gibt es zahlreiche andere physische Arbeitsformen, die Muster buchstäblich spürbar machen können. Der Körper zeigt dabei untrüglich, wo Spannung, Zurückhaltung oder gerade das Bedürfnis nach Nähe liegt.
Auch körperliche Berührung kann eine Rolle spielen – stets behutsam und abgestimmt –, um beispielsweise Sicherheit, Halt oder Grenzen erlebbar zu machen.
Oder als Zugang zu einer tieferen (emotionalen/energetischen) Ebene.

Dennoch ist meiner Ansicht nach letztlich nicht das Material oder die Technik das wichtigste „Werkzeug“, sondern die Präsenz des Therapeuten selbst. Diese verkörperte, abgestimmte Nähe bildet die eigentliche Grundlage. Aus einem Gefühl der Sicherheit heraus erhält der Körper die Erlaubnis zu fühlen, sich zu entspannen und alte Schutzschichten loszulassen. Dort entsteht die eigentliche Arbeit.
Nicht durch Tun, sondern durch Erleben im Kontakt..
Der Einsatz von Materialien spielt daher in meiner Arbeitsweise eine immer geringere Rolle.

Die vertiefende Wirkung
Was mich anspricht, ist, dass der Fokus zunächst nicht auf dem Erlangen (kognitiver) Einsicht liegt, sondern mehr auf der Integration. Verstehen kann helfen, aber wirklich etwas verändert sich erst, wenn es im Körper durchgefühlt wird.
Haptonomie bringt Kopf, Herz und Körper wieder miteinander in Verbindung.
Es ist eine Einladung, sich selbst wieder spüren zu lernen.
Nicht durch härteres Arbeiten oder Lenken, sondern durch das Lernen zuzuhören und dadurch zu erfahren.
Und genau dort – in diesem Kontakt – beginnt Heilung oft von selbst und können (paradoxerweise) gerade Erkenntnisse in der Kognition entstehen.

Der heutige Blogbeitrag ist der erste Teil einer Vierteilerserie,, bestehend aus:

  • Haptonomie
  • Psychosomatik & psychosomatische Beschwerden
  • Die Natur als heiliger Ort
  • Schweden: Polyvagales System in der Praxis im Freien

Damit steht nächste Woche:
Psychosomatik & psychosomatische Beschwerden auf dem Programm.

Hier vertiefen wir den heutigen Ansatz weiter.
Fortsetzung folgt!

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