„Was genau werden wir tun?“
Eine Frage, die mir am Ende oder während eines Erstgesprächs regelmäßig gestellt wird.
Verständlich, natürlich.
Man möchte wissen, woran man ist.
Und doch steckt oft mehr hinter der Frage als nur Neugier.
Wo meine Arbeit nicht beginnt
Meine Arbeit beginnt nicht mit einem festen Protokoll, einem Schritt-für-Schritt-Plan oder einem vorab festgelegten Ablauf. Nicht, weil Struktur unwichtig wäre, sondern weil sich das Leben – so wie ich es sehe – nicht nach Zeitplänen entfaltet.
Wesentliche Prozesse wie Trauer, Heilung und Bewusstwerdung verlaufen nicht linear. Sie folgen keinem festen Tempo, keiner vorhersehbaren Reihenfolge und keinem vorab festgelegten Weg.
Wenn jemand genau wissen will, was passieren wird, befinden wir uns oft noch im Denken. Im Analysieren. Im Vorausdenken. Aber Heilung findet nicht im Kopf statt.
Allein schon das Zulassen, dass nicht alles im Voraus feststeht, kann Spannungen hervorrufen.
Das Bedürfnis hinter der Frage
Es verlangt von dir, dass du dich für etwas öffnest, das vielleicht noch unbekannt ist. Für manche ist das selbstverständlich. Andere prüfen erst, ob es sicher ist. Manchmal entsteht dabei ein starkes Bedürfnis nach Übersicht oder Kontrolle. Das ist kein Mangel, es ist menschlich. Gerade für Menschen, die viel erlebt haben, ist Vorhersehbarkeit eine Form des Selbstschutzes.
Und natürlich ist es in Ordnung, Fragen zum bevorstehenden Prozess zu stellen. Die Frage ist nur, ob ein Rezept im Voraus realistisch (und überhaupt hilfreich) ist?
Der Prozess selbst erfordert irgendwo auch eine Form von Offenheit, Vertrauen und Hingabe von dir. Manchmal erkläre ich, was der erste Schritt des Prozesses ist und wie wir gemeinsam daran arbeiten können. Wenn jemand noch nicht ganz bereit dafür zu sein scheint, kann gerade die Bereitstellung weiterer Informationen – so klar sie auch sein mögen – als Vorwand genutzt werden, um auszusteigen.
Das kann sehr subtil ablaufen. Es scheint dann irgendwo etwas zu passieren wie: „Huch, dieses Beispiel trifft zu nah. Das machen wir nicht.“
Sicherheit ohne Kontrolle
Es kommt vor, dass Sicherheit mit Kontrolle verwechselt wird. Als ob Sicherheit erst dann bestehen kann, wenn alles überschaubar ist. In Wirklichkeit entsteht echte Sicherheit eher dann: wenn ein Klient sich selbst folgen darf und keine Leistung erbringen muss. Auch nicht verstehen oder vorpreschen muss.
Meine Rolle dabei ist nicht zu lenken, sondern zu tragen. Präsenz zu bewahren, auch wenn es spannend wird.
Vertrauen als wahrer Zugang
Was ich Klienten oft dazu einlade zu erforschen, ist nicht so sehr, was wir tun werden, sondern:
- Kannst du spüren, was gerade vor sich geht, ohne es schon lösen zu wollen?
- Kannst du auf einen Prozess vertrauen, der sich Schicht für Schicht entfaltet?
Implizit laden die Fragen dazu ein, den Reflex loszulassen, verstehen, deuten oder vorankommen zu wollen. Die Kontrolle vorübergehend auszusetzen.
Was du erwarten kannst
Auch wenn sich der Prozess nicht in einem festen Stufenplan festlegen lässt, ist er nicht ziellos.
Du kannst dich auf Folgendes verlassen:
- einen ruhigen, abgestimmten Ansatz, bei dem Sicherheit an erster Stelle steht
- das Arbeiten im Hier und Jetzt, mit Aufmerksamkeit für Körper und Erfahrung
- kein Zwang, kein Drängen, kein „Müssen“
- Raum für Integration, in deinem Tempo
Und:
Auch wenn sich ein Prozess nicht vollständig im Voraus festlegen lässt, bedeutet dies nicht, dass es keinen Rahmen oder keine Richtung gibt. Ein erfahrener Therapeut behält stets den roten Faden des Prozesses im Blick. Nicht, indem er im Voraus festlegt, was genau passieren wird, sondern indem er sorgfältig beobachtet, was sich zeigt, was noch Schutz benötigt und wo eine Vertiefung möglich wird.
Manchmal meldet sich jemand beispielsweise mit Müdigkeit, Anspannung oder wiederkehrenden Blockaden, während sich ein zugrunde liegendes Trauma erst später im Prozess zu zeigen beginnt.
Genau hier macht sich therapeutische Erfahrung bemerkbar:
nicht im Vorhersagen des Prozesses, sondern im Erkennen, Tragen und Begleiten dessen, was sich entfaltet, wenn der Moment gekommen ist.
Die Verschiebung der Frage
Erkenntnis entsteht nach und nach. Nicht als Ausgangspunkt, sondern als Folge. Verständnis folgt der Erfahrung – und nicht umgekehrt.
Die Frage:
„Was genau werden wir tun?“
verschiebt sich damit von selbst.
Nicht hin zu einer vorgefertigten Antwort, sondern hin zu Klarheit im Moment.
